XJazz-Festival Berlin: nichts für Puristen

TEaserXJazz

Unerschrocken mischen die Veranstalter des nun zum zweiten Mal stattfindenden XJazz-Festivals die Stile. Einziges Kriterium für das Line-Up: Musik soll Spaß machen und gut sein. Egal ob Elektro, Jazz, Singer/Songwriter oder Neue Musik. Also nichts für Jazz-Puristen, eher was für Entdecker.

70 Bands standen auf dem Programm. Dabei kamen 75% der Musiker aus Berlin. Eine unglaubliche Zahl für ein solches Festival und sicherlich auch einer der Gründe, warum XJazz von Anfang an so erfolgreich ist.

Berlin ist das Zentrum des europäischen Jazz. Diesem Ruf wird das Veranstalter-Team um Geschäftsführer Florian Burger und dem künstlerischer Leiter Sebastian Studnitzky mit ihrem Programm gerecht. Dabei sind sie Neulinge auf dem Gebiet der Festivalorganisation. Überraschend gut funktionierte dennoch das Zusammenspiel der insgesamt sieben Clubs rund um die Skalitzer Straße am Schlesischen Tor.

Rund sechs Bands spielten gleichzeitig in Locations, die bislang nicht gerade für Jazz bekannt waren.

Rappelvoll war es am Freitag Abend im Lido, wo Andromeda Mega Express auftrat. Das vielköpfige Orchester könnte als Aushängeschild für das musikalische Programm des Festivals gelten. 18 junge Musiker aus den verschiedensten Zusammenhängen, Klassikkünstler und Jazzer bunt gemischt, beeindruckten mit ihrer spielerischen Mischung aus Jazz, Neuer Musik, Funk und Pop.

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Gegründet 2006, spielt diese außergewöhnliche Formation aus Streichern, Bläsern, Harfe und einer extrem starken Rhythmussektion Kompositionen des Ensembleleiters Daniel Glatzel. Er komponiert, plant die Auftritte, spielt Saxophon und Klarinette, dirigiert daneben von seinem Platz aus. Seine Stücke sind geprägt von einer unglaublichen Dynamik, schnellen Taktwechseln, humorvollen Zitaten aus der Musikgeschichte und dem bewussten Stilmix.

Erste Geige bei Andromeda Mega Express spielen die Bratschen und Flöten (von Piccolo bis Alt), während die Bläser sich in Zurückhaltung üben. Das Ergebnis ist ein wirklich spezieller Orchestersound. Höchste Präzision verlangen die Stücke von den Musikern, die auch in den Improviationen immer der Kompostion gerecht werden. Manchmal wünscht man sich, dass sie hier ein wenig mehr aus sich herausgehen.

Meine Bewunderung gilt dem jungen Orchesterleiter, der es schafft, über Jahre ein solch großes Ensemble zusammenzuhalten. Daniel Glatzels Vorbild: Duke Ellington, der als autoritärer Orchesterleiter bekannt war und keine Scheu hatte, mit seinen Kompositionen aus dem Mainstream des Bigband-Sounds herauszutreten.

Der Pianist David Helbock hat sich mit seinem Trio ebenfalls dem spielerischen Umgang mit den Genres verschrieben. Harte Beats von Schlagzeuger Herbert Pirker mischen sich mit lyrischen Klängen zwischen Neoromantik, Thelonius Monk, Blues und Pop. Klangexperimente am präparierten Flügel, wie man sie von John Cage gewohnt ist, geben dem Trio eine besondere Farbe, unterstützt vom Sound einer Bassukule. Titel wie „Yellow meets red“ legen nah, dass David Helbock sich von der bildenden Kunst inspirieren lässt. Aus dem Jazzfenster lehnt sich das Trio bei seinem Konzept nicht. Die Musiker sind auch auf traditionelleren Festivals zu Hause.

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Stark vertreten waren in diesem Jahr israelische Bands. Anlässlich des 50. Jahrestags der diplomatischen Beziehungen zwischen Israel und Deutschland feiern die Veranstalter damit die zahlreichen musikalischen Verbindungen.

Mit dabei: The Apples, eine neunköpfige Post-Funk-Formation aus Tel Aviv. Sie ist schon lange kein Geheimtipp mehr. Mit Jazz, Latin, Soul, elektronische Beats, Rock und dazu ein Turntable-Scratching brachten Bläser, DJs, Bassist und Schlagzeuger sofort das Lido zum Kochen. Die Reminiszenz ans New Yorker Studio 54 ist gewollt und äußert sich auch im coolen 70er Jahre Outfit der Bandmitglieder. Das Konzept klingt zunächst ein wenig altbacken, ist aber erstaunlich frisch und mit gehörigem Druck interpretiert. Ein Ensemble, das einfach Spaß macht.

XJazz ist eine längst überfällige Einrichtung in Berlin. Ein Festival der Talente und Kreativität der Stadt, ein Festival mit Humor, ein unerschrockenes Festival.

Der Verzicht auf große Namen ist ein weiteres großes Plus. Ich hoffe, dass die Organisatoren auch zukünftig bei diesem Konzept bleiben können.

Bei allem Beifall für XJazz – eines bleibt: die Qual der Wahl. Das Ticketsystem ist nicht gerade für Entdeckerreisen durch die Jazzwelt gemacht. Sechs Bands, die gleichzeitig an verschiedenen Orten spielen, macht die notwendige Vorentscheidung, wohin man geht, schwer. Es gibt nur wenige Pässe für das Gesamtprogramm. Schade eigentlich, denn stillere, meditative Musik wie sie beispielsweise in der Emmaus Kirche geboten wurde, geht dadurch schnell unter.

XJazz-Festival Berlin: nichts für Puristen (Quelle: Blogrebellen)

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